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Kloster Tashilhunpo: Der Sitz der Penchen Lamas in Shigatse

Wer sich Shigatse von Osten her nähert, sieht die Klosterstadt Tashilhunpo schon von Weitem: eine Kaskade aus weiß gekalkten Mauern, dunkelroten Kapellen und vergoldeten Dächern, die sich an den Hang des Drolmari schmiegt, des Hügels der Göttin Tara. In rund 3.800 Metern Höhe gelegen, ist die Anlage seit dem 17. Jahrhundert der traditionelle Sitz der Penchen Lamas, der nach dem Dalai Lama bedeutendsten Wiedergeburtslinie des tibetischen Buddhismus. Gegründet wurde sie jedoch schon 1447 von Gendün Drub, einem Schüler des großen Reformers Tsongkhapa, der später rückwirkend als Erster Dalai Lama anerkannt wurde. Bis heute umrunden Pilger jeden Morgen auf dem Kora-Pfad die Klostermauern, während im Inneren eine der größten vergoldeten Buddhastatuen der Welt über das Tal des Nyang-Flusses blickt.

Shigatse: eine Stadt und ihr Kloster

Tashilhunpo lässt sich nicht von Shigatse trennen, der historischen Hauptstadt der Region Tsang und nach Lhasa zweitgrößten Stadt Tibets. Die Stadt liegt nahe der Mündung des Nyang in den Yarlung Tsangpo, jenen mächtigen Strom, der weiter östlich zum Brahmaputra wird, und kontrollierte einst wichtige Handelswege nach Westtibet und zu den Himalaja-Pässen im Süden. Ein Kloster von diesem Anspruch brauchte genau eine solche wirtschaftliche Grundlage: Über Jahrhunderte versorgten Güter und Dörfer der umliegenden Täler Tausende von Mönchen, und die Herrscher von Tsang — später die Penchen Lamas selbst — machten Shigatse zu einem echten Gegengewicht zu Lhasa. Auf einem Bergrücken über der Altstadt erhob sich zudem der Dzong von Shigatse, eine Festung, die wie eine verkleinerte Vorwegnahme des Potala wirkte. Kloster und Burg, geistliche und weltliche Macht, prägten gemeinsam eine Stadtsilhouette, die Reisende seit Jahrhunderten beschreiben. Wer sich der Stadt heute nähert, sieht im Wesentlichen noch dasselbe Bild wie die Handelskarawanen vergangener Zeiten: ein Band aus Ocker, Karminrot und Gold, das sich über den Hang zieht und von den hohen Grabkapellen mit ihren glänzenden Dächern gekrönt wird — eine der unverwechselbarsten Silhouetten ganz Tibets.

Gendün Drub und die Gründung von 1447

Als Gendün Drub 1447 mit dem Bau begann, war die Gelug-Schule seines Lehrers Tsongkhapa noch eine junge Bewegung. Der Name, den er seiner Gründung gab — Tashi Lhunpo, oft übersetzt als Berg des Segens oder als Ort, an dem sich alles Glück versammelt —, war Programm. Das Kloster wuchs rasch zu einem der wichtigsten Zentren der Schule außerhalb von Lhasa heran und stand bald in einer Reihe mit den großen Häusern Ganden, Drepung und Sera. Von Anfang an war die Anlage als kleine Mönchsstadt konzipiert: Versammlungshallen, Lehrkollegien, Küchen, Wohntrakte und Kapellen entstanden hinter einer gemeinsamen Umfassungsmauer, verbunden durch steile, gepflasterte Gassen. Gendün Drub verbrachte einen Großteil seines späteren Lebens hier, lehrte, schrieb und erweiterte die Gebäude; 1474 starb er in Tashilhunpo. Sein Grabmal machte das Kloster zum einzigen der großen Gelug-Häuser, das die Ruhestätte eines Dalai Lama außerhalb von Lhasa beherbergt. Schon zu Lebzeiten des Gründers zog Tashilhunpo Studenten aus der ganzen Region an, und die hier entstandenen Kollegien bildeten über Generationen Gelehrte aus, die die Traditionen der Schule weit über die Grenzen von Tsang hinaustrugen.

Vom Abt zum Penchen Lama

Seine eigentliche Berühmtheit verdankt Tashilhunpo dem 17. Jahrhundert. Damals wirkte hier Lobsang Chökyi Gyaltsen, ein Abt von außerordentlichem Ruf, der zum Lehrer des jungen Fünften Dalai Lama berufen wurde. Aus Dankbarkeit verlieh ihm dieser den Titel Penchen — eine Verkürzung eines Ausdrucks, der so viel wie großer Gelehrter bedeutet — und erklärte ihn zur Ausstrahlung des Buddha Amitabha, des Buddha des grenzenlosen Lichts. Da der Titel rückwirkend auch auf drei frühere Äbte übertragen wurde, zählt Lobsang Chökyi Gyaltsen als Vierter Penchen Lama, obwohl er der erste Träger des Namens zu Lebzeiten war. Seither ist Tashilhunpo der Stammsitz der Linie, und das Verhältnis zwischen Dalai Lamas und Penchen Lamas wurde zu einem roten Faden der tibetischen Geschichte: Traditionell war jeder an der Anerkennung der Wiedergeburt des anderen beteiligt, Lehrer und Schüler im Wechsel der Generationen. Gerade diese Rolle macht die Linie bis heute zum Gegenstand eines schmerzhaften Konflikts: 1995 erkannte der Dalai Lama den Jungen Gendhun Chökyi Nyima als Elften Penchen Lama an; kurz darauf wurde das Kind von den chinesischen Behörden in Gewahrsam genommen und ist seitdem nicht mehr öffentlich gesehen worden, während Peking einen eigenen Kandidaten, Gyaincain Norbu, einsetzte.

Der große Maitreya von 1914

Das berühmteste Kunstwerk des Klosters steht im Jamkhang Chenmo, der hoch aufragenden roten Kapelle am Westrand der Anlage. Dort ließ der Neunte Penchen Lama ab 1914 ein Bildnis des Maitreya errichten, des Buddha des kommenden Zeitalters, in einem Maßstab, der kaum seinesgleichen hat. Die sitzende Figur erreicht eine Höhe von etwa 26 Metern; ihr Körper wurde aus Kupfer getrieben und mit großen Mengen Gold überzogen, Hunderte von Handwerkern arbeiteten jahrelang daran. Perlen, Korallen, Bernstein und Türkise schmücken die Statue, und allein ihr Gesicht ist höher als ein erwachsener Mensch. Besucher steigen in der Kapelle Stockwerk um Stockwerk empor und begegnen dem Buddha in Etappen: zuerst dem gewaltigen Lotosthron, dann den gefalteten Händen, schließlich dem ruhigen, von Butterlampen erleuchteten goldenen Antlitz. Dass ausgerechnet Maitreya hier verehrt wird, ist kein Zufall — die Penchen Lamas gelten traditionell als besondere Fürsprecher des zukünftigen Buddha, und schon zu Zeiten Gendün Drubs standen Maitreya-Bildnisse im Kloster. Für viele Pilger ist die Begegnung mit der Statue der Höhepunkt der Reise: Vor dem Thron legen sie weiße Zeremonienschals nieder, entzünden Butterlampen und flüstern Wünsche für ein glücklicheres Zeitalter, ehe sie im Halbdunkel der Kapelle weiterziehen.

Grabstupas zwischen Zerstörung und Wiederaufbau

Tashilhunpo ist zugleich die Grablege der Penchen-Linie, und seine Grabkapellen erzählen von Hingabe wie von Zerstörung. Der mit Gold und Silber verkleidete Grabstupa des Vierten Penchen Lama entstand im 17. Jahrhundert und ist bis heute erhalten. Die Grabmäler des Fünften bis Neunten Penchen Lama hingegen wurden während der Kulturrevolution zerstört, als das Kloster zwar dem vollständigen Abriss entging, aber schwer beschädigt und die Mönchsgemeinschaft zerstreut wurde. Nach der Wiederzulassung religiösen Lebens ließ der Zehnte Penchen Lama ein neues gemeinsames Mausoleum errichten, bekannt als Tashi Langyar, in dem die geborgenen Überreste seiner fünf Vorgänger vereint beigesetzt wurden. Er selbst starb im Januar 1989 in Shigatse, nur wenige Tage nach der Weihe des Baus; seine eigene goldgedeckte Grabkapelle wurde einige Jahre später vollendet. Wer heute von Stupa zu Stupa geht, vorbei an Wandmalereien, die zeitgenössische Künstler restauriert haben, durchschreitet die Schichten des 20. Jahrhunderts ebenso wie ältere Epochen tibetischer Kunst.

Klosterleben, Feste und die Thangka-Mauer

Vor 1959 lebten mehrere Tausend Mönche in Tashilhunpo, das als eine der größten Klosteruniversitäten Tibets galt, mit Kollegien für Philosophie, Tantra und rituelle Künste. Heute zählt die Gemeinschaft einige Hundert Mitglieder, doch die Rhythmen des Klosterlebens bestehen fort: Debattierrunden in den Höfen, gemeinsame Rezitationen im Kelsang Lhakhang, dem großen Hallenkomplex im Herzen der Anlage, und der stete Strom der Pilger auf der Kora. Der spektakulärste Moment des Jahres ist das sommerliche Thangka-Fest, bei dem riesige applizierte Stoffbilder der Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft nacheinander an der Thangka-Mauer entrollt werden — einem massiven weißen Schaubau am Hang, der die umliegenden Hallen überragt und von weiten Teilen Shigatses aus sichtbar ist. Ein Zweig der Gemeinschaft lebt zudem fern von Tibet weiter: Mönche, die dem Dalai Lama ins Exil folgten, gründeten das Kloster Tashi Lhunpo im südindischen Bylakuppe neu, wo Ritual, Cham-Tanz und Gelehrsamkeit der Linie parallel gepflegt werden.

Auf der Karte

Tashilhunpo versteht man am besten räumlich — als Mönchsstadt aus Gassen, Höfen und Dachterrassen, gestaffelt an einem Berghang. Wo genau die Anlage in Shigatse liegt, wie weit Lhasa mit Ganden, Drepung und Sera entfernt ist und welche historischen Klöster sich sonst noch im Tal des Yarlung Tsangpo finden, zeigt unsere interaktive Karte. Dort lässt sich Tashilhunpo mit Klöstern im gesamten Himalaja und weltweit vergleichen — der ideale Ausgangspunkt für die eigene Route durch Tibets heilige Geographie.