Mar Saba: Das uralte Wüstenkloster über der Kidronschlucht
Wer von Betlehem aus nach Osten fährt, lässt die Olivenhaine binnen weniger Minuten hinter sich und gerät in eine Landschaft aus kahlen, knochenfarbenen Hügeln. Dann reißt der Boden auf: Die Kidronschlucht schneidet sich tief in die Wüste Juda, und an ihrer Felswand hängt, Terrasse über Terrasse, ein ganzes Dorf aus Kuppeln, Mauern, Treppen und blau gestrichenen Balkonen. Das ist Mar Saba, die Große Lavra des heiligen Sabas — seit dem fünften Jahrhundert ununterbrochen von Mönchen bewohnt, ohne elektrisches Licht, ohne Fleisch auf dem Tisch und ohne Zutritt für Frauen. Kaum ein anderer Ort der christlichen Welt hat die Spätantike so unmittelbar in die Gegenwart hinübergerettet.
Eine Felswand voller Zellen
Mar Saba ist kein Kloster im gewohnten Sinn, sondern eine Lavra — und dieser Unterschied erklärt die eigentümliche Gestalt der Anlage. In einem zönobitischen Kloster teilen die Mönche jede Stunde des Tages; in einer Lavra dagegen lebte jeder Einsiedler für sich, in einer Höhle oder Zelle irgendwo an den Hängen, und verbrachte die Woche mit Gebet, Psalmengesang und Handarbeit. Nur am Wochenende kam die Gemeinschaft in der zentralen Kirche zur Liturgie und zum gemeinsamen Mahl zusammen, ehe sich alle wieder in die Stille zerstreuten. Die Wüste Juda war in der Spätantike von solchen Siedlungen geradezu übersät: Zwischen Jerusalem, Betlehem und Jericho bestanden Dutzende von Klöstern und Eremitenkolonien. Die Gründung des Sabas aber wuchs über alle hinaus und erhielt darum den Ehrennamen der Großen Lavra. Wer heute die Felswände rings um die ummauerte Anlage absucht, erkennt noch immer die dunklen Mündungen der Eremitenhöhlen im Gestein — die ursprünglichen Zellen einer verstreuten Stadt des Gebets.
Sabas der Geheiligte: vom Kappadokier zum Vater der Wüste
Der Gründer kam von weit her. Sabas wurde 439 in Kappadokien geboren, im Inneren der heutigen Türkei, und trat schon als Kind in ein Kloster ein. Als junger Mann zog er ins Heilige Land, suchte die großen Wüstenväter Palästinas auf und diente in bestehenden Gemeinschaften, bevor er sich in eine Höhle über dem Kidrontal zurückzog. Er suchte die Einsamkeit — und fand Schüler. Immer neue Einsiedler ließen sich in den Höhlen der Umgebung nieder, und im Jahr 483 wurde die wachsende Gemeinschaft als Lavra verfasst. Die Überlieferung erzählt von einer Höhle, die die Natur selbst zu einer Kapelle geformt hatte und die als erste Kirche geweiht wurde. Sabas stieg zu einer der prägenden Gestalten des palästinischen Mönchtums auf: Der Patriarch von Jerusalem stellte ihn an die Spitze der Einsiedlermönche der Region, und noch im hohen Alter reiste er zweimal nach Konstantinopel, um beim Kaiser für die Kirchen des Heiligen Landes zu sprechen. Er starb 532, weit über neunzig Jahre alt, und wurde im Hof seiner Lavra bestattet. Sein Leben beschrieb wenig später der Mönch Kyrill von Skythopolis — eine der lebendigsten Quellen, die wir über das frühe Mönchtum überhaupt besitzen.
Johannes von Damaskus und die Bücher der Wüste
Die Wirkung von Mar Saba reicht weit über die Schlucht hinaus, und der Grund dafür sind Handschriften. Über Jahrhunderte war die Lavra eine der produktivsten Stätten byzantinischer Theologie, Hymnendichtung und Buchkultur. Ihr berühmtester Bewohner war Johannes von Damaskus, der große Theologe des achten Jahrhunderts, der eine Laufbahn in der Verwaltung des Kalifats aufgab, um hier Mönch zu werden. In seiner Zelle entstanden die Schriften zur Verteidigung der Ikonen, mit denen die Kirche im Bilderstreit argumentierte, dazu eine umfassende Darstellung des Glaubens, die im Osten wie im Westen ein Jahrtausend lang gelesen wurde. Sein Grab wird bis heute im Kloster gezeigt. Neben ihm wirkte Kosmas von Maiuma, einer der bedeutendsten Hymnendichter der Orthodoxie, und mit ihnen Generationen namenloser Kopisten, deren Bücher nach Konstantinopel, auf den Balkan und noch weiter wanderten. Dichtung, die in dieser Schlucht entstand, wird bis heute auf allen Kontinenten gesungen.
Ein Gottesdienstbuch für die halbe Welt
Das tiefste Erbe der Lavra ist unsichtbar: eine Ordnung des Betens. Die gottesdienstliche Regel, die sich in Mar Saba herausbildete — das Typikon des heiligen Sabas, oft schlicht das sabaitische Typikon genannt —, legte fest, wie sich Tagzeiten, Nachtwachen, Feste und Fastenzeiten über das Jahr verschränken. Diese Wüstenregel verbreitete sich im Lauf der Jahrhunderte durch die gesamte orthodoxe Welt und wurde zum Grundgerüst des Gottesdienstes in den Kirchen des byzantinischen Ritus. Wenn orthodoxe Christen in Griechenland, Russland, Serbien oder Rumänien eine Vigil durchstehen, folgen sie — über viele Vermittlungsstufen hinweg — einem Gebetsmuster, das Einsiedler über dem Kidron entworfen haben. Nur wenige Bauwerke der Welt können von sich behaupten, den Wochenrhythmus so vieler Menschen in solcher Ferne geprägt zu haben.
Katastrophen, Plünderungen und ein Heimkehrer aus Venedig
Ununterbrochen bewohnt heißt nicht unbehelligt. Im Jahr 614 brachte der persische Einfall nach Palästina den Wüstenklöstern Tod und Verwüstung; auch in Mar Saba wurden Mönche erschlagen, und die Gemeinschaft verehrt ihre Märtyrer jenes Jahres bis heute — ihre Schädel werden im Kloster als bleibendes Gedächtnis aufbewahrt. In den folgenden Jahrhunderten wiederholten sich Überfälle und Plünderungen, während der kaiserliche Schutz schwand und die Wüste zur gefährlichen Randzone wurde. Die Mönche begruben ihre Toten, richteten die Mauern wieder auf und blieben. Auch die Erde selbst bebte immer wieder; ein schweres Beben im Jahr 1834 richtete große Schäden an, und die festungsartigen Mauern und Türme, die Besucher heute sehen, verdanken sich wesentlich einer Restaurierung des neunzehnten Jahrhunderts, die mit russischer Unterstützung finanziert wurde. Selbst der Gründer ging zeitweise in die Fremde: Seine Reliquien wurden in der Kreuzfahrerzeit nach Venedig gebracht und kehrten erst 1965 zurück — eine denkwürdige Geste der Versöhnung zwischen Rom und der Orthodoxie. Heute ruht der Leib des Heiligen wieder in der Hauptkirche seiner Lavra.
Alltag ohne Strom, Zeit nach altem Maß
Das Leben hinter den Mauern folgt bis heute Regeln, die älter sind als die Moderne. Mar Saba verzichtet in seinem Alltag bekanntlich auf Elektrizität; die Gottesdienste entfalten sich im Schein von Kerzen und Öllampen, deren Licht über die vergoldeten Ikonen flackert. Die Gemeinschaft hält am julianischen Kalender fest, und der liturgische Tag wird nach byzantinischer Art gezählt: Er beginnt mit dem Sonnenuntergang, nicht um Mitternacht. Die Bruderschaft ist heute klein — Erben jener Hunderten, die hier in der Blütezeit der Lavra lebten —, sie ernährt sich einfach, und Fleisch kommt nie auf den Tisch. Die langen nächtlichen Gottesdienste, auf Griechisch gesungen, während draußen die Wüste vollkommen schwarz und still liegt, haben ihre Grundgestalt über Jahrhunderte bewahrt. Viele Besucher beschreiben das Erlebnis als einen Schritt aus der Gegenwart hinaus.
Der Frauenturm vor den Mauern
Eine seiner ältesten Ordnungen hält Mar Saba mit ungebrochener Strenge durch: Frauen dürfen das Kloster nicht betreten. Diese Regel, in der griechischen Tradition als Avaton bekannt und am berühmtesten vom Berg Athos geteilt, gilt hier seit den Anfängen der Gemeinschaft. Wer als Frau den Weg in die Wüste auf sich nimmt, steht dennoch nicht vor verschlossener Landschaft: Gegenüber dem Kloster erhebt sich der sogenannte Frauenturm, von dem aus Pilgerinnen und Reisende den ganzen Schwung der Anlage überblicken, wie sie die Felswand hinabstürzt — womöglich das schönste Panorama, das der Ort überhaupt bietet. Männliche Besucher können an die Pforte klopfen; hat ein Mönch Zeit, werden Gäste nach alter Sitte mit kaltem Wasser und etwas Süßem empfangen, sehen die Kirche und das Grab des Gründers und werden um nichts weiter gebeten als um Stille und angemessene Kleidung.
Auf der Karte
Mar Saba ist der große Überlebende aus dem goldenen Zeitalter des judäischen Wüstenmönchtums, aber es stand nie allein: Die Einöde zwischen Jerusalem, Betlehem, Jericho und dem Toten Meer war einst mit Lavren und Klöstern übersät, und einige der alten Nachbarn sind bis heute lebendige Gemeinschaften. Wie sich die Große Lavra in diese außergewöhnliche Wüstenlandschaft einfügt — und wo orthodoxe, katholische und andere historische Klöster im Heiligen Land und weit darüber hinaus zu finden sind —, zeigt die interaktive Karte. Zoomen Sie in die Hügel östlich von Betlehem und beginnen Sie Ihre Erkundung dort, wo Sabas einst die Stille suchte.