Optina Pustyn: Das Kloster der Starzen im russischen Wald
Wer im neunzehnten Jahrhundert in Russland eine Lebensfrage hatte, die kein Arzt, kein Anwalt und kein Bischof beantworten konnte, machte sich nicht selten auf den Weg in die Provinz Kaluga. Dort, am rechten Ufer der Schisdra bei dem Städtchen Koselsk, lag das Kloster Optina Pustyn, umgeben von Kiefernwald und über Jahrhunderte kaum der Rede wert. Dann wurde ausgerechnet dieses arme Waldkloster zum bekanntesten geistlichen Zentrum des Landes, weil hier eine alte Institution neu erblühte: das Starzentum, die geistliche Vaterschaft erfahrener Mönche für jedermann.
Was ein Starez ist
Das russische Wort Starez bedeutet wörtlich nichts weiter als alter Mann. In der klösterlichen Tradition bezeichnet es jedoch keinen Rang und kein Amt, sondern eine Beziehung: Ein erfahrener Mönch übernimmt die geistliche Führung anderer Menschen, die ihm freiwillig ihr Inneres öffnen und seinen Rat annehmen. Kein Kirchenrecht schreibt diese Rolle vor, keine Weihe verleiht sie; sie beruht allein auf Unterscheidungsgabe, Demut und dem Vertrauen derer, die kommen. Neu an Optina war, dass die Starzen dort nicht nur Mönche begleiteten, sondern ihre Zellentür buchstäblich für das ganze Volk öffneten. Bauern und Kaufleute, Beamte, Studenten und zweifelnde Intellektuelle standen in derselben Reihe und trugen dieselben Fragen vor: Ehe und Erbschaft, Krankheit und Schuld, Glaube und Verzweiflung. Diese Öffnung war zunächst umstritten, manchen Kirchenmännern erschien sie geradezu anstößig. Am Ende aber wurde gerade sie zum Markenzeichen des Klosters und zu dem Faden, der sich durch seine ganze große Epoche zieht.
Die Anfänge an der Schisdra
Über die Gründung von Optina erzählt die Legende von einem Räuber namens Opta, der seine Untaten bereute, Mönch wurde und an dieser Stelle die erste Bruderschaft sammelte. Historisch belegen lässt sich das nicht; gesichert ist nur, dass das Kloster im sechzehnten Jahrhundert bereits bestand. Der Name Pustyn, Einöde oder Einsiedelei, beschreibt das Programm: ein Ort bewusst abseits der Städte, hinter dem Fluss, im Wald. Jahrhundertelang blieb die Gemeinschaft klein und bettelarm, die Gebäude waren größtenteils aus Holz. Als der Staat im achtzehnten Jahrhundert die Klostergüter einzog und zahllose kleine Klöster aufhob, stand auch Optina mehrfach vor dem Aus; zeitweise lebten nur noch wenige Mönche dort. Erst gegen Ende jenes Jahrhunderts nahmen sich kirchliche Obere der verfallenen Einsiedelei an und bauten sie planmäßig als Kloster mit strengem gemeinschaftlichem Leben wieder auf. Die Hauptkirche, die Kathedrale des Einzugs der Gottesmutter in den Tempel, gab dem Kloster seinen offiziellen Namen.
Der Skit Johannes des Täufers
Die eigentliche Wende kam 1821. In einiger Entfernung von der Klostermauer, tiefer im Wald, wurde ein Skit gegründet, eine kleine Einsiedlersiedlung mit strengerer Regel, dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht. Aufgebaut wurde er von den Brüdern Moses und Antonius, Asketen aus der geistlichen Schule des Paisij Welitschkowskij. Dieser Mönch des achtzehnten Jahrhunderts hatte auf dem Athos und in Moldau die hesychastische Tradition des inneren Gebets wiederbelebt und die Klassiker der griechischen Väterliteratur ins Kirchenslawische übersetzt, allen voran die Sammlung Philokalie. Nach Russland kam er selbst nie, doch seine Schüler trugen Handschriften und Methode in die Wälder des Nordens. Der Skit von Optina wurde zum Ort, an dem dieses Erbe institutionell Wurzeln schlug: Hier lebten fortan die Starzen, geschützt durch Abgeschiedenheit und zugleich erreichbar für die Pilger, die man in geordneten Bahnen zu ihnen ließ. 1829 ließ sich der Hieromönch Leonid, mit Schima-Namen Lew, im Skit nieder. Mit ihm beginnt die große Zeit.
Leonid, Makarij, Amwrossij: die große Linie
Leonid war ein bärenstarker, derber, furchtloser Mann, der die Menschenmassen empfing wie ein Bauer seine Nachbarn und sich von Anfeindungen aus der Hierarchie nicht beirren ließ. Sein Nachfolger Makarij, feinsinnig und literarisch gebildet, verlagerte einen Teil der Seelsorge in den Briefverkehr und beantwortete Zuschriften aus dem ganzen Reich; unter ihm wurde aus der umstrittenen Praxis eine anerkannte Institution. Der berühmteste Starez aber wurde Amwrossij, geboren 1812, der 1839 als junger Mann nach Optina kam. Jahrzehntelang schwer krank und oft nicht imstande zu stehen, empfing er die endlose Reihe der Besucher liegend in seiner Zelle. Die Zeitgenossen beschreiben eine seltene Mischung aus praktischem Scharfsinn, Humor und Menschenkenntnis; seine Ratschläge kleidete er gern in volkstümliche Reime, die auch ein einfacher Bauer behalten konnte. 1884 gründete er in der Nähe das Frauenkloster Schamordino, das gezielt Arme, Kranke und Alte aufnahm, die reichere Konvente abwiesen. Dort starb er 1891. Die russische Kirche sprach ihn 1988 heilig; im Jahr 2000 wurden die vierzehn Starzen von Optina gemeinsam als Heilige verherrlicht.
Druckerei und Slawophile
Optina wirkte nicht nur durch Gespräche, sondern auch durch Bücher. Ab den 1840er Jahren gab das Kloster unter der Leitung des Starez Makarij Ausgaben und russische Übersetzungen der asketischen Väter heraus, beginnend mit Leben und Schriften des Paisij Welitschkowskij, später auch Werke wie die des Isaak von Ninive. Möglich wurde das Unternehmen durch ein bemerkenswertes Bündnis: Der slawophile Philosoph Iwan Kirejewskij und seine Frau, geistliche Kinder des Makarij, halfen mit Geld, Verbindungen und redaktioneller Arbeit; gelehrte Mönche besorgten die Texte. Für gebildete Russen, die mit deutscher Philosophie und französischen Romanen aufgewachsen waren, öffneten diese Bände eine Tür zu einer eigenen kontemplativen Tradition, von der viele nichts geahnt hatten. Kirejewskij selbst wurde auf dem Klostergelände begraben. So verband Optina zwei Welten, die sich sonst misstrauisch beäugten: das asketische Mönchtum und die russische Intelligenz.
Schriftsteller vor der Klosterpforte
Die Literaturgeschichte hat diesem Kloster einige ihrer eindrücklichsten Szenen zu verdanken. Nikolai Gogol pilgerte in seinen letzten, religiös aufgewühlten Lebensjahren mehrfach nach Optina. Fjodor Dostojewski kam im Juni 1878, gezeichnet vom Tod seines kleinen Sohnes Aljoscha, in Begleitung des jungen Philosophen Wladimir Solowjow; er sprach mit dem Starez Amwrossij, und aus diesem kurzen Besuch erwuchsen die Klosterkapitel der Brüder Karamasow samt der Gestalt des Starez Sossima, in der Zeitgenossen sofort Optina wiedererkannten. Leo Tolstoi, dessen Schwester Maria als Nonne in Schamordino lebte, besuchte das Kloster mehrmals, halb angezogen, halb im Widerspruch; auf seiner letzten Flucht aus Jasnaja Poljana im Oktober 1910, wenige Tage vor seinem Tod, führte ihn der Weg noch einmal nach Optina und Schamordino. Der Philosoph Konstantin Leontjew schließlich zog die letzte Konsequenz: Er lebte jahrelang beim Kloster und legte dort 1891 heimlich die Mönchsgelübde ab.
Untergang und Wiederkehr
Nach der Revolution von 1917 wurde das Kloster als religiöse Einrichtung aufgelöst. Einige Jahre hielten sich die Mönche noch unter dem Deckmantel einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, doch Mitte der 1920er Jahre war der Gottesdienst unterdrückt, die Bruderschaft zerstreut, die letzten Starzen wurden verbannt; Nektarij, der letzte der alten Linie, starb fern von Optina. Die Gebäude durchliefen die übliche sowjetische Verwendungskette aus Museum, Erholungsheim und anderen Zwecken, vieles verfiel. Im November 1987, mit der Wende in der staatlichen Religionspolitik, gehörte Optina zu den ersten Klöstern, die der Kirche zurückgegeben wurden; 1988 zog wieder mönchisches Leben ein. Die junge Gemeinschaft traf 1993 ein schwerer Schlag, als am Ostermorgen drei Brüder, der Hieromönch Wassilij und die Mönche Trofim und Ferapont, ermordet wurden. Heute ist Optina ein stauropegiales Kloster, das direkt dem Patriarchen untersteht, mit den Reliquien der Starzen in seinen Kirchen und einem Pilgerstrom, der an die Zeiten des Amwrossij erinnert.
Auf der Karte
Optina Pustyn versteht man am besten aus seiner Landschaft heraus: der Fluss, der Wald, der verborgene Skit hinter der Hauptanlage und Schamordino in erreichbarer Nähe. Auf unserer interaktiven map finden Sie das Kloster, die Region Kaluga und Tausende weiterer Klosterorte weltweit. Zoomen Sie hinein, um die Geographie der Starzen nachzuvollziehen, oder ziehen Sie die Ansicht auf, um zu sehen, wie sich diese stille Einsiedelei in die weite Welt des orthodoxen Mönchtums einfügt.