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Von der Klosterschule zur Universität: Wie aus dem Kreuzgang der Hörsaal wurde

Wer heute von Dekanen, Fakultäten, Rektoren oder Vorlesungen spricht, benutzt Vokabeln aus der Welt der mittelalterlichen Kirche. Die Universität, wie wir sie kennen, ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern das Ergebnis einer rund tausendjährigen Entwicklung, die im Kreuzgang begann. Aus den Schreib- und Lesestuben der Benediktinerklöster wurden Domschulen, aus den Domschulen wurden freie Magisterschulen, und aus deren Zusammenschlüssen entstanden um das Jahr 1200 die ersten Universitäten Europas. Viele Schauplätze dieser Geschichte, von Montecassino bis St. Gallen, kann man bis heute besuchen.

Lesen als Gebot: die Regel des heiligen Benedikt

Am Anfang steht ein Text aus dem sechsten Jahrhundert. Benedikt von Nursia verfasste für seine Gemeinschaft auf dem Montecassino eine Regel, die neben Gebet und Handarbeit ausdrücklich feste Stunden für die lectio divina vorsah, die betrachtende Lesung der Heiligen Schrift. Zu Beginn der Fastenzeit sollte jeder Mönch ein Buch aus der Bibliothek erhalten und es vollständig durchlesen. Eine solche Regel setzte voraus, dass alle Brüder lesen konnten, und das war im Frühmittelalter alles andere als selbstverständlich. Kinder, die als Oblaten ins Kloster gegeben wurden, mussten Buchstaben, Psalmen, Gesang und lateinische Grammatik lernen. So entstand fast zwangsläufig an jedem größeren Benediktinerkloster eine Schule. Was als praktische Notwendigkeit begann, wurde zum geistlichen Programm: Im Kloster waren Lesenlernen und Betenlernen zwei Seiten derselben Erziehung.

Skriptorien: das Gedächtnis Europas

Vor der Erfindung des Buchdrucks musste jede Abschrift von Hand angefertigt werden, und Pergament ist vergänglich. Die Klöster unterhielten deshalb Skriptorien, Schreibstuben, in denen die Mönche nicht nur Bibeln und liturgische Bücher kopierten, sondern auch Grammatiken, Chroniken und die Klassiker der lateinischen Literatur. Schon im sechsten Jahrhundert hatte der römische Staatsmann Cassiodor in Süditalien das Kloster Vivarium gegründet, um genau diese Arbeit zu organisieren. Ein erstaunlich großer Teil der antiken Literatur, die wir heute noch lesen können, verdankt sein Überleben den Abschriften aus Klöstern wie Montecassino, Bobbio, Fulda, Reichenau und St. Gallen. Der berühmte St. Galler Klosterplan aus dem frühen neunten Jahrhundert, der Idealentwurf eines Klosters, sieht neben Kirche, Bibliothek und Skriptorium ausdrücklich Räume für die Schule vor. Bibliothek und Klassenzimmer gehörten zusammen: Die eine bewahrte das Wissen, das andere bildete seine Hüter aus.

Die karolingische Bildungsreform

Den ersten großen, politisch gewollten Ausbau des Schulwesens verdankt Europa Karl dem Großen. Im Jahr 789 erließ er die Admonitio generalis, eine umfassende Reformverordnung, die unter anderem befahl, Schulen einzurichten, in denen Knaben Psalmen, Notenschrift, Gesang, Kalenderrechnung und Grammatik lernen sollten. Als geistigen Kopf der Reform holte Karl den angelsächsischen Gelehrten Alkuin von York an seinen Hof, der die Hofschule in Aachen leitete und später als Abt von Saint-Martin in Tours ein bedeutendes Zentrum der Buchherstellung schuf. Die karolingischen Schreiber entwickelten mit der karolingischen Minuskel eine klare, gut lesbare Schrift, von der unsere heutigen Kleinbuchstaben abstammen. Zum ersten Mal seit der Antike behandelte ein europäischer Herrscher Bildung als Aufgabe der Herrschaft, und die Klöster waren sein wichtigstes Werkzeug.

Fulda, St. Gallen, Reichenau: Klosterschulen im Reich

Im ostfränkischen und später deutschen Raum trugen vor allem drei Klöster den Ruhm der monastischen Gelehrsamkeit. In Fulda wirkte Hrabanus Maurus, ein Schüler Alkuins, der wegen seiner Lehrtätigkeit den Ehrennamen Praeceptor Germaniae erhielt, Lehrer Deutschlands. Auf der Bodenseeinsel Reichenau entstanden berühmte Handschriften und Dichtungen; dort lehrte unter anderem Walahfrid Strabo. In St. Gallen schrieb und unterrichtete Notker, und die dortige Stiftsbibliothek bewahrt ihre mittelalterlichen Bestände bis heute an Ort und Stelle. Diese Klosterschulen unterschieden bereits zwischen einer inneren Schule für künftige Mönche und einer äußeren Schule für Weltgeistliche und Laien, ein früher Hinweis darauf, dass Bildung über die Klostermauern hinauszuwirken begann. Später traten die Domschulen der Bischofsstädte hinzu, etwa in Magdeburg oder Hildesheim, die im ottonischen Reich Verwaltungsleute und Bischöfe heranbildeten.

Die sieben freien Künste

Gelernt wurde nach einem Lehrplan, den das Mittelalter aus der Spätantike übernommen hatte: den sieben freien Künsten. Das Trivium umfasste Grammatik, Rhetorik und Dialektik, also die Künste der Sprache und des Arguments; das Quadrivium umfasste Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, die Künste der Zahl und des Maßes. Handbücher spätantiker Autoren wie Boethius, Cassiodor und Martianus Capella trugen dieses Schema durch die Jahrhunderte. Die Künste galten dabei nie als Selbstzweck, sondern als Vorbereitung auf das Studium der Heiligen Schrift und der Theologie. Das Ordnungsmodell erwies sich als außerordentlich langlebig: Als sich die Universitäten später in Fakultäten gliederten, blieb die Artistenfakultät das Eingangstor, das jeder Student durchschreiten musste, bevor er zu Theologie, Recht oder Medizin aufsteigen durfte.

Von der Klosterschule zur Domschule

Seit dem späten zehnten Jahrhundert verlagerte sich das geistige Schwergewicht in die wachsenden Städte. Die Schulen an den Kathedralen, geleitet von einem Magister unter Aufsicht des bischöflichen Kanzlers, lagen näher an den Karrieren junger Kleriker als abgelegene Landklöster. Gerbert von Aurillac, ein Mönch, der in Katalonien Mathematik studiert hatte, lehrte in Reims die freien Künste und bestieg im Jahr 999 als Silvester II. den Papstthron. In Chartres machte Bischof Fulbert die Domschule europaweit berühmt, und ein späterer Magister dort, Bernhard von Chartres, prägte das Bild von den Zwergen auf den Schultern von Riesen. Dass Klosterschulen weiterhin Spitzenleistungen hervorbringen konnten, bewies die normannische Abtei Bec unter Lanfranc und Anselm, dessen Losung vom Glauben, der nach Einsicht sucht, zum Leitwort der neuen Theologie wurde. Das Dritte Laterankonzil von 1179 verpflichtete schließlich jede Kathedrale, einen Magister zu unterhalten, der arme Scholaren unentgeltlich unterrichtete.

Zugleich veränderte sich der Unterricht selbst. In Paris zog Petrus Abaelardus im frühen zwölften Jahrhundert Scharen von Studenten an die Kathedralschule von Notre-Dame und auf den Hügel der heiligen Genoveva. Sein Werk Sic et Non stellte einander widersprechende Aussagen der Kirchenväter nebeneinander und forderte die Schüler auf, die Widersprüche durch vernünftiges Argumentieren aufzulösen. Aus dieser dialektischen Methode erwuchs die Scholastik, und die Disputation wurde zur charakteristischen Übungsform der hohen Schulen. Studenten wanderten nun quer durch Europa, um berühmten Magistern zu folgen, und die Lehrerlaubnis, die licentia docendi des Kanzlers, wurde zu einem begehrten und umkämpften Gut.

Die Geburt der Universität

Um das Jahr 1200 schlossen sich Lehrende und Lernende nach dem Vorbild der Handwerker zu Zünften zusammen, und das lateinische Wort für eine solche Körperschaft gab der neuen Institution ihren Namen: universitas. In Bologna, wo das wiederentdeckte römische Recht seit dem späten elften Jahrhundert Studenten anzog, als traditionelles Gründungsjahr gilt 1088, organisierten sich die Studenten selbst und stellten ihre Professoren an. In Paris bildeten die Magister die Zunft; sie erhielten um 1200 königliche Privilegien von Philipp II. August und 1215 päpstlich bestätigte Statuten. Oxford wuchs im späten zwölften Jahrhundert rasch heran, und eine Abwanderung von Gelehrten im Jahr 1209 begründete Cambridge. Die neuen studia generalia verliehen Grade, die in der ganzen Christenheit galten: Bakkalaureus, Magister und Doktor, Stufen, die an die Leiter vom Lehrling zum Meister erinnern. In das Reich kam die Universität später, aber mit Macht: Prag wurde 1348 gegründet, Wien 1365, Heidelberg 1386 als älteste Universität auf dem Boden des heutigen Deutschland. Der Kreuzgang hatte die Schule geschaffen, die Kathedrale hatte sie in die Stadt geholt, und die Stadt machte aus ihr die Universität.

Auf der Karte

Viele Orte dieser Geschichte sind bis heute erhalten und lohnen die Reise: Montecassino über dem Tal des Liri, die Stiftsbibliothek von St. Gallen, die Klosterinsel Reichenau, der Dom und das Kloster in Fulda. Öffnen Sie die interaktive Karte, um diese Stätten und Hunderte weiterer Klöster, Abteien und Stifte zu entdecken, und planen Sie Ihre eigene Route durch die Landschaften der mittelalterlichen Gelehrsamkeit, dorthin, wo Europa das Lernen lernte.