Lindisfarne: Gezeiteninsel, Wikingerüberfall und das schönste Buch des Frühmittelalters
In einem Schaukasten der British Library in London liegt ein Buch, das vor rund 1300 Jahren auf einer winzigen Insel in der Nordsee entstand: die Lindisfarne-Evangelien, eines der vollkommensten Werke mittelalterlicher Buchkunst. Die Insel selbst, Holy Island vor der Küste Northumberlands, ist nur bei Ebbe über einen Damm erreichbar; zweimal am Tag schneidet die Flut sie vom Festland ab. Zwischen diesen beiden Polen – dem kostbaren Manuskript in der Metropole und den rötlichen Klosterruinen im Wattenmeer – spannt sich eine Geschichte von Mission und Gelehrsamkeit, von Heiligenverehrung, Gewalt und Neubeginn.
Eine Insel im Rhythmus der Gezeiten
Lindisfarne liegt in Sichtweite der alten Königsburg Bamburgh, die auf ihrem Felsen weiter südlich über der Küste thront. Bei Niedrigwasser führen ein asphaltierter Damm und ein älterer Fußweg durch das Watt hinüber, der sogenannte Pilgrims Way, dessen Verlauf hohe Holzpfähle markieren. Bei Hochwasser verschwindet die Straße vollständig unter dem Meer. Genau diese Doppelnatur machte den Ort für Mönche so anziehend: Die Gemeinschaft lebte nah genug am Königshof, um Rat und Schutz zu finden, und wurde doch zweimal täglich in eine Abgeschiedenheit versetzt, wie sie die irische Klostertradition suchte. Wer heute bei ablaufendem Wasser zu Fuß hinübergeht, die Salzwiesen und Dünen des umgebenden Naturschutzgebietes vor Augen, ahnt noch immer etwas von dieser besonderen Lage zwischen Welt und Weltabgewandtheit.
Die Mission aus Iona: Aidan und König Oswald
Die Gründung des Klosters verdankt sich einer politischen Heimkehr. Oswald, ein vertriebener Königssohn aus Northumbria, hatte seine Exiljahre im gälischen Westen verbracht und war dort mit dem irischen Christentum in Berührung gekommen. Als er sein Reich zurückgewann, bat er das Inselkloster Iona vor der schottischen Westküste um Missionare. Nachdem ein erster Gesandter entmutigt zurückgekehrt war, wählten die Mönche Aidan aus, einen Mann, den der Geschichtsschreiber Beda für seine Milde und Bescheidenheit rühmt. Im Jahr 635 wurde Aidan Bischof und errichtete seinen Sitz auf Lindisfarne. Er reiste grundsätzlich zu Fuß, um mit jedem sprechen zu können, der ihm begegnete, kaufte mit Geschenken der Reichen Sklaven frei und bildete einheimische Jungen für den Dienst der Kirche aus. Von dieser unscheinbaren Basis aus – die frühen Gebäude bestanden größtenteils aus Holz – trugen seine Mönche das Christentum über weite Teile Nordenglands. Aidan starb 651 und wurde auf seiner Insel begraben.
Cuthbert: Einsiedler wider Willen auf dem Bischofsstuhl
Kein Name ist enger mit Lindisfarne verbunden als der Cuthberts. Der Überlieferung Bedas zufolge hütete er in der Nacht von Aidans Tod Schafe in den Hügeln und sah dabei eine Vision, die ihn ins Kloster führte. Später kam er als Prior nach Lindisfarne, wo er die Gemeinschaft geduldig reformierte und zugleich als unermüdlicher Seelsorger durch die abgelegenen Höfe Northumbrias zog. Doch es zog ihn in die Einsamkeit: Auf dem kargen Eiland Inner Farne baute er sich eine Einsiedelei, deren Mauern so hoch aufgeschichtet waren, dass sein Blick nur noch den Himmel fand. 685 ließ er sich, sehr gegen seinen Willen, zum Bischof von Lindisfarne weihen; kaum zwei Jahre später kehrte er in seine Klause zurück und starb dort im März 687. Man bestattete ihn in der Inselkirche. Als die Mönche elf Jahre danach sein Grab öffneten, fanden sie den Leichnam unverwest vor – ein Ereignis, das Cuthbert zum meistverehrten Heiligen Nordenglands machte und Pilger in großer Zahl auf die Insel zog.
Ein Meisterwerk auf Pergament
Um das Jahr 700 entstand auf Lindisfarne jenes Buch, das den Namen der Insel bis heute in alle Welt trägt. Die Lindisfarne-Evangelien enthalten den lateinischen Text der vier Evangelien, geschrieben und gemalt auf Pergament. Ein Nachtrag aus dem zehnten Jahrhundert schreibt das gesamte Werk Eadfrith zu, der 698 Bischof von Lindisfarne wurde. Trifft diese Überlieferung zu, dann hat ein einziger Mann das ganze Buch entworfen und ausgeführt: die berühmten Teppichseiten mit ihrem endlosen Flechtwerk, die monumentalen Initialzierseiten, die Evangelistenporträts und Seite um Seite von makelloser Schrift. Stilistisch verbindet das Manuskript keltische Spiralornamentik, angelsächsisches Tiergeflecht und mediterrane Vorbilder zur höchsten Blüte der sogenannten insularen Kunst. Im zehnten Jahrhundert, als das Buch in Chester-le-Street aufbewahrt wurde, trug der Priester Aldred zwischen die lateinischen Zeilen eine altenglische Übersetzung ein – die älteste erhaltene Übertragung der Evangelien in eine Form des Englischen überhaupt. Heute gehört die Handschrift zu den größten Schätzen der British Library.
Der Schock des Jahres 793
Die Angelsächsische Chronik berichtet, im Jahr 793 seien über Northumbria furchtbare Vorzeichen erschienen; kurz darauf hätten Heiden die Kirche auf Lindisfarne durch Raub und Mord verwüstet. Dieser Überfall, traditionell auf den 8. Juni datiert, gilt gemeinhin als Beginn der Wikingerzeit in Westeuropa. Die Erschütterung reichte weit über England hinaus: Alcuin, ein northumbrischer Gelehrter am Hof Karls des Großen, schrieb verzweifelte Briefe in die Heimat und klagte, Heiden hätten einen der heiligsten Orte Britanniens entweiht – niemand habe einen solchen Angriff vom Meer her für möglich gehalten. Was die Zeitgenossen entsetzte, war nicht allein die Gewalt, sondern das Ziel: eine wehrlose Gemeinschaft von Mönchen. Dennoch bedeutete der Überfall nicht das Ende des Klosterlebens. Die Gemeinschaft blieb, bewahrte ihre Reliquien und hielt noch etwa drei Generationen auf der Insel aus, ehe der Druck der skandinavischen Angriffe unerträglich wurde.
Flucht, Wanderschaft und die Rückkehr der Benediktiner
875 verließen die Mönche Lindisfarne endgültig. Sie nahmen ihre kostbarsten Güter mit: den Sarg mit dem unverwesten Leib Cuthberts, weitere Reliquien und das große Evangeliar. Es folgten Jahre der Wanderschaft durch Nordengland, dann eine lange Niederlassung in Chester-le-Street und schließlich, im Jahr 995, der Umzug nach Durham, wo Cuthberts Schrein hinter dem Hochaltar der normannischen Kathedrale seinen bleibenden Platz fand. Nach der normannischen Eroberung kehrten Benediktiner aus Durham auf die Insel zurück und errichteten im frühen zwölften Jahrhundert eine Prioratskirche aus tiefrotem Sandstein, eine Art Miniaturausgabe ihrer Kathedrale mit wuchtigen Rundpfeilern und Zickzackornament. Ihr berühmtestes Überbleibsel ist der sogenannte Regenbogenbogen, eine einzelne Rippe des Vierungsgewölbes, die den Einsturz des Turmes überdauerte und sich noch immer frei über die Ruine spannt. Im Spätmittelalter machten die englisch-schottischen Grenzkriege das Leben auf der Insel rau; 1537 wurde das Priorat unter Heinrich VIII. im Zuge der Klosterauflösung aufgehoben und verfiel allmählich.
Holy Island heute besuchen
Die Ruinen des Priorats werden von English Heritage betreut; ein Museum zeigt Skulpturenfragmente des angelsächsischen Klosters, darunter Grabsteine, die an die Zeit der Überfälle erinnern. Unmittelbar daneben steht die Pfarrkirche St Mary the Virgin auf einem Gelände, das seit jeher mit dem ältesten Kloster in Verbindung gebracht wird, und eine moderne Statue Aidans blickt über die Anlage. Wer die Insel besucht, muss sich nach dem Meer richten: Die sicheren Überfahrtszeiten werden veröffentlicht und sind unbedingt einzuhalten, denn die Flut überspült den Damm schnell und vollständig. Viele Gäste verbinden den Besuch mit einem Spaziergang zum Lindisfarne Castle, einer kleinen Festung des sechzehnten Jahrhunderts, die der Architekt Edwin Lutyens Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum Landhaus umbaute. Dünen, Watt und Salzwiesen ringsum stehen unter Naturschutz und beherbergen Seehunde und große Schwärme überwinternder Vögel – im Winterhalbjahr ist die Insel oft herrlich still.
Auf der Karte
Lindisfarne gehört zu den Orten, an denen sich Landschaft und Überlieferung noch heute mühelos zur Deckung bringen lassen. Auf unserer interaktiven map finden Sie Holy Island samt Priorat ebenso wie Hunderte weiterer Klöster, Abteien und Stifte in Großbritannien und weltweit. Zoomen Sie an die Küste Northumberlands heran, entdecken Sie die Nachbarschaft von Bamburgh und den Farne-Inseln und folgen Sie anschließend dem Weg der Mönche nach Durham – die Karte macht die Zusammenhänge auf einen Blick sichtbar.