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Certosa di Pavia: Prunk und Schweigen in der lombardischen Ebene

Wer von Mailand aus nach Süden über die Poebene fährt, erreicht nach gut einer halben Stunde ein Dorf, das seinen Namen von einem einzigen Bauwerk hat: Certosa di Pavia. Hinter einer langen Mauer und einem bescheidenen Torhaus öffnet sich dort eine der erstaunlichsten Klosteranlagen Italiens – eine Kartause, die als Grablege der Mailänder Herzöge begonnen wurde und über mehr als ein Jahrhundert hinweg zu einem Gesamtkunstwerk der lombardischen Renaissance heranwuchs. Etwa acht Kilometer weiter südlich liegt Pavia mit seinem Kastell; dazwischen erstreckte sich einst der ummauerte Jagdpark der Visconti, an dessen Nordrand das Kloster errichtet wurde. Die Lage war kein Zufall, sondern Programm.

Die Kartäuser: Einsiedler in Gemeinschaft

Um die Certosa zu verstehen, muss man zuerst den Orden verstehen, für den sie gebaut wurde. Die Kartäuser gehen auf den heiligen Bruno zurück, der sich Ende des elften Jahrhunderts mit wenigen Gefährten in das Bergtal der Grande Chartreuse bei Grenoble zurückzog – daher der Name des Ordens und das italienische Wort certosa. Kartäuser leben als Einsiedler in Gemeinschaft: Jeder Mönch bewohnt eine eigene Zelle, die eher ein kleines Haus mit Garten ist, verbringt dort den Großteil des Tages in Gebet, Arbeit und Studium und trifft die Mitbrüder im Wesentlichen nur zum nächtlichen Chorgebet, zur Messe und zu einem wöchentlichen Spaziergang. Das Schweigen ist die Grundmelodie dieses Lebens. Gerade diese Strenge machte den Orden für Fürsten attraktiv: Wer den Kartäusern ein Kloster stiftete, erwarb sich die Fürbitte der als besonders heiligmäßig geltenden Mönche. Dass ausgerechnet für diese Asketen einer der prunkvollsten Kirchenbauten Italiens entstand, ist der große, produktive Widerspruch der Certosa di Pavia.

Die Stiftung des ersten Herzogs von Mailand

Der Stifter war Gian Galeazzo Visconti, seit 1395 erster Herzog von Mailand und einer der machtbewusstesten Herrscher seiner Zeit. Schon 1386 hatte er den Bau des Mailänder Doms angestoßen; ein Jahrzehnt später legte er 1396 eigenhändig den Grundstein für die Kartause bei Pavia. Die Überlieferung verbindet die Gründung mit einem Gelübde seiner Gemahlin Caterina, doch der Herzog verfolgte zugleich ein dynastisches Ziel: Die Klosterkirche sollte zur Grablege seines Hauses werden, sichtbar verbunden mit der Lieblingsresidenz der Familie, dem Kastell von Pavia, durch den riesigen eingefriedeten Park. Geweiht wurde die Kirche der Muttergottes unter dem Titel Santa Maria delle Grazie; das Monogramm GRA-CAR, kurz für den lateinischen Namen der Kartause, findet sich bis heute überall in der Anlage wie eine Stiftersignatur. Viel von seinem Projekt hat Gian Galeazzo nicht mehr gesehen: Er starb 1402 an der Pest, als die Mauern kaum aus dem Boden gewachsen waren.

Baugeschichte zwischen Gotik und Renaissance

Der erste Baumeister, Bernardo da Venezia, entwarf eine durch und durch gotische Kirche: ein lateinisches Kreuz mit Mittelschiff und zwei Seitenschiffen, Kapellenreihen, Rippengewölben und einem hohen Vierungsturm nach lombardischer Art. Nach dem Tod des Stifters geriet das Herzogtum in Wirren, und die Arbeiten kamen über Jahrzehnte nur schleppend voran. Erst um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, als die Sforza den Visconti auf dem Mailänder Thron nachgefolgt waren und die Stiftung als dynastisches Erbe weiterführten, nahm die Baustelle wieder Fahrt auf; Baumeister aus der Familie Solari leiteten die Arbeiten. Als die Kirche 1497 geweiht wurde – ein volles Jahrhundert nach der Grundsteinlegung –, hatte sich der Geschmack längst gewandelt. So trägt der Bau bis heute zwei Gesichter: innen gotische Spitzbogengewölbe mit gemaltem Sternenhimmel, außen klassische Formen, Pilaster und Marmorschmuck der Renaissance. Kaum ein anderes Gebäude Italiens dokumentiert den Übergang zwischen den Epochen so anschaulich im eigenen Mauerwerk.

Die Marmorfassade

Die Fassade ist das berühmteste Stück der Certosa und ein Hauptwerk der lombardischen Renaissance. Ihre untere Hälfte ist eine einzige Fläche aus Skulptur: Am Sockel zieht sich ein Band von Medaillons mit Profilen römischer Kaiser und Gestalten der Antike entlang – eine selbstbewusste Behauptung, dass die Mailänder Herzöge in kaiserlicher Gesellschaft zu Hause seien. Darüber folgen Reliefs mit Propheten, Aposteln und biblischen Szenen, reich gerahmte Fenster und Heiligenfiguren in Nischen. An diesem steinernen Bilderteppich arbeiteten im späten fünfzehnten Jahrhundert die Brüder Cristoforo und Antonio Mantegazza sowie Giovanni Antonio Amadeo, der bedeutendste Bildhauer-Architekt der Lombardei seiner Generation. Das ruhigere Obergeschoss kam später hinzu, und der oberste Abschluss wurde nie vollendet: Die Fassade endet in einer geraden Linie statt in dem einst geplanten krönenden Aufbau. Gerade dieses Unfertige erzählt die Wahrheit über ein Bauwerk, das immer Baustelle blieb – Marmorpropaganda für eine Dynastie, die schon nicht mehr regierte, als die Gerüste fielen.

Grabmäler, Fresken und ein Altar aus Elfenbein

Im Inneren lösen die beiden Querarme das Versprechen der Gründung ein. Auf der einen Seite erhebt sich das Grabmal Gian Galeazzo Viscontis, entworfen von Gian Cristoforo Romano und über viele Jahre vollendet – der Stifter erhielt seine Ruhestätte erst lange nach seinem Tod. Gegenüber liegen die Marmorfiguren von Ludovico il Moro, dem Sforza-Herzog und Gönner Leonardo da Vincis, und seiner jung verstorbenen Gemahlin Beatrice d'Este, geschaffen von Cristoforo Solari. Das Doppelbildnis war ursprünglich für eine Mailänder Kirche bestimmt und wurde im sechzehnten Jahrhundert in die Certosa übertragen. Dazu kommen die Malereien: Ambrogio Bergognone stattete die Kirche in den 1490er Jahren mit Altartafeln und Fresken in seinem stillen, silbrigen Licht aus – in den Querhäusern schauen gemalte Kartäusermönche aus illusionistischen Fenstern herab. Perugino lieferte um 1500 ein Altarwerk, dessen Tafeln später zerstreut wurden; mehrere hängen heute in der National Gallery in London, während vor Ort eine Originaltafel mit Gottvater verblieb. In der alten Sakristei schließlich steht ein monumentales Triptychon aus der Werkstatt der Embriachi, zusammengesetzt aus unzähligen geschnitzten Bein- und Elfenbeinplättchen.

Zwei Kreuzgänge, vierundzwanzig Zellen

Hinter der Kirche beginnt die eigentliche Kartause. Der kleine Kreuzgang mit seinem feinen Terrakottaschmuck, an dem unter anderem Rinaldo de Stauris arbeitete, verband die Gemeinschaftsräume: Refektorium, Kapitelsaal, Bibliothek. Dahinter öffnet sich der große Kreuzgang, eine der weitesten Klosteranlagen Italiens, gesäumt von vierundzwanzig Mönchszellen. Jede Zelle ist ein kleines Haus mit eigenem ummauertem Garten, Arbeitsraum und Schlafkammer; neben jeder Tür erlaubte eine Durchreiche, dem Mönch die Mahlzeit zu reichen, ohne ein Wort zu wechseln. Diese Architektur ist die Kartäuserregel in Stein: größte Pracht für Gott, größte Kargheit für den einzelnen Bruder. Wer heute im großen Kreuzgang steht und über den Zellendächern den gestuften Vierungsturm der Kirche aufragen sieht, kann die ganze Idee des Ordens mit einem Blick ablesen.

Schlachtenlärm, Aufhebung, Nationaldenkmal

Die Geschichte des Klosters blieb nicht friedlich. Im Februar 1525 tobte im alten Visconti-Park vor den Toren der Kartause die Schlacht von Pavia, in der die Truppen Kaiser Karls V. das französische Heer vernichtend schlugen und König Franz I. gefangen nahmen – eine der folgenreichsten Schlachten der europäischen Geschichte, ausgetragen in Sichtweite eines Hauses des Schweigens. Später griff die Politik direkt ein: 1782 hob Kaiser Joseph II. das Kloster im Zuge seiner Reformen auf, die napoleonische Zeit brachte weitere Auflösungen, und nach der italienischen Einigung wurde die Anlage 1866 zum Nationaldenkmal erklärt – was ihre Rettung bedeutete. Mönche kehrten in Wellen zurück, zeitweise wieder Kartäuser, seit 1968 lebt eine Zisterziensergemeinschaft in den Gebäuden. Heute sind Kirche, Kreuzgänge und Museum für Besucher geöffnet, meist im Rahmen von Führungen durch die Mönche selbst.

Auf der Karte

Die Certosa di Pavia liegt gut erreichbar zwischen Mailand und Pavia und ist ein idealer Ausgangspunkt für eine Reise zu den Klöstern der Lombardei und der Poebene. Auf unserer interaktiven Karte finden Sie den genauen Standort der Kartause – zusammen mit der Grande Chartreuse, vielen weiteren Kartausen und Hunderten von Abteien und Klöstern in ganz Europa. Zoomen Sie in die Lombardei hinein und folgen Sie der kurzen Strecke vom Kastell von Pavia zu der Kirche, die die Visconti für ihr Andenken bauen ließen.