Bulguksa: Wie Silla das Land des Buddha aus Granit baute
Wer Bulguksa zum ersten Mal betritt, steht nicht vor einem Gebäude, sondern vor einer Mauer aus behauenem Granit, über die sich zwei steinerne Treppenanlagen erheben, die man seit jeher Brücken nennt. Der Name des Tempels bedeutet übersetzt Tempel des Buddha-Landes, und genau das wollten seine Erbauer im achten Jahrhundert schaffen: ein Stück Paradies, begehbar am Hang des Berges Tohamsan östlich von Gyeongju, der alten Hauptstadt des Königreichs Silla im Südosten der heutigen Republik Korea. Seit 1995 gehört Bulguksa gemeinsam mit der nahen Seokguram-Grotte zum UNESCO-Welterbe. Es ist zugleich aktives Kloster, nationales Heiligtum und einer der am vollständigsten erhaltenen Steinbau-Komplexe der klassischen koreanischen Baukunst.
Gyeongju und die Blüte des Silla-Reiches
Um Bulguksa zu verstehen, muss man das Reich verstehen, das ihn hervorbrachte. Silla, eines der drei alten Königreiche Koreas, hatte im siebten Jahrhundert den größten Teil der Halbinsel unter seiner Herrschaft vereint. Die Hauptstadt Gyeongju wuchs in der Folge zu einer der bedeutendsten Metropolen Ostasiens heran, und der Buddhismus, im sechsten Jahrhundert zur Staatsreligion erhoben, prägte Hofkultur, Kunst und Handwerk gleichermaßen. Nach der Überlieferung der Chronik Samguk Yusa aus dem dreizehnten Jahrhundert begann der Bau des heutigen Tempels im Jahr 751 unter König Gyeongdeok, geleitet vom Ersten Minister Kim Daeseong. Vollendet wurde die Anlage 774, bereits unter König Hyegong, nachdem Kim Daeseong gestorben war und der Hof das Werk zu Ende führte. Bulguksa entstand damit auf dem kulturellen Höhepunkt Sillas, in derselben Generation, die auch die Seokguram-Grotte und die großen Bronzeglocken der Epoche schuf.
Zwei Leben, zwei Bauwerke: die Gründungslegende
Das Samguk Yusa erzählt die Gründung als Geschichte über Wiedergeburt und Kindespflicht. Kim Daeseong, so heißt es, sei in einem früheren Leben als Sohn einer armen Familie geboren worden und habe für eine großherzige Gabe die Wiedergeburt in einem Adelshaus erlangt. Da er sich an beide Leben erinnerte, errichtete er Bulguksa zu Ehren der Eltern seines gegenwärtigen Lebens und die Seokguram-Grotte, weiter oben am selben Berg, für die Eltern seines früheren Daseins. Wie viel historische Wahrheit in der Legende steckt, lässt sich nicht mehr klären. Sie erklärt jedoch, warum Tempel und Grotte seit jeher als Paar verstanden werden, und sie deutet die gesamte Anlage als Akt der Dankbarkeit gegenüber den Eltern, ein Wert, der konfuzianisches und buddhistisches Denken auf koreanische Weise verbindet.
Terrassen, Treppen und Brücken ins Paradies
Die eigentliche Sensation von Bulguksa ist sein Unterbau. Der Tempel ruht auf mächtigen Steinterrassen, deren Quader und Naturfelsen so ineinandergefügt sind, dass die Mauern Jahrhunderte von Erdbeben und Kriegen überstanden haben. Den Übergang von der Alltagswelt in den heiligen Bezirk vollzieht der Besucher symbolisch über zwei doppelte Treppenanlagen, die als Brücken gelten, weil sie sinnbildlich über das Wasser führen, das die irdische Welt vom Buddha-Land trennt. Die größere Anlage, Cheongungyo und Baegungyo, die Brücken der Blauen und der Weißen Wolke, zählt dreiunddreißig Stufen, ein Verweis auf die dreiunddreißig Himmel der buddhistischen Kosmologie, und führt zum Tor Jahamun vor der Haupthalle. Die kleinere, Yeonhwagyo und Chilbogyo, die Lotosblüten- und die Sieben-Schätze-Brücke, leitet zum Tor Anyangmun und in den Bereich des Amitabha, des Buddha des Westlichen Paradieses. Alle vier Brücken sind als Nationalschätze Koreas eingestuft und zählen zu den ganz wenigen erhaltenen Eingangsbauten aus der Silla-Zeit. Betreten darf man sie heute nicht mehr, und das passt beinahe: Die Schwelle zum Paradies bleibt dem Blick vorbehalten.
Dabotap und Seokgatap: ein Streitgespräch in Stein
Im Hof vor der Haupthalle Daeungjeon stehen sich die beiden berühmtesten Pagoden Koreas gegenüber. Seokgatap, die Pagode des historischen Buddha Sakyamuni, ist ein dreistöckiger Granitturm von strenger, fast mathematischer Klarheit, das klassische Modell der koreanischen Steinpagode in Reinform. Dabotap, die Pagode der Vielen Schätze, bricht mit allen Konventionen: Treppen an vier Seiten, quadratische Pfeiler, ein achteckiger Aufbau, dazu ein steinerner Löwe, der letzte von ursprünglich vieren. Gemeinsam setzen die beiden Türme eine Szene aus dem Lotos-Sutra ins Bild, in welcher der Buddha der Vergangenheit erscheint, um die Predigt des gegenwärtigen Buddha zu bezeugen. Schlichtheit und Fülle stehen sich also nicht als Gegensätze gegenüber, sondern als zwei Wahrheiten desselben Glaubens. Beide Pagoden sind Nationalschätze, und Dabotap ist so tief im koreanischen Alltag verankert, dass sie die Zehn-Won-Münze ziert. Seokgatap trägt den Beinamen Muyeongtap, Pagode ohne Schatten, nach der traurigen Sage vom Steinmetz Asadal und seiner Frau Asanyeo, die am Teich vergeblich auf das Spiegelbild des Turms wartete.
Der älteste Druck der Welt
Im Jahr 1966 machten Restauratoren bei Arbeiten an der Seokgatap-Pagode einen Fund, der die Geschichte des Buchdrucks umschrieb. Im Inneren des Turms lag ein Reliquienschrein mit einer Schriftrolle des Mugujeonggwang Dae Darani-gyeong, des Großen Dharani-Sutras vom Makellosen Reinen Licht, gedruckt von Holztafeln. Da die Pagode aus der Mitte des achten Jahrhunderts stammt, muss der Druck vor ihrer Versiegelung entstanden sein. Damit zählt die Rolle zu den ältesten erhaltenen Holztafeldrucken der Welt und ist älter als die lange als Referenz geltenden Druckwerke aus Tang-China. Der Fund fügt sich in eine größere koreanische Erzählung: Dieselbe Halbinsel schuf später die Druckstöcke der Tripitaka Koreana und gehörte zu den Pionieren des Drucks mit beweglichen Metalllettern. Ein unscheinbarer Granitturm erwies sich als Zeitkapsel der Schriftkultur.
Feuer, Verfall und Wiederaufbau
Nach dem Ende Sillas blieb Bulguksa durch die Goryeo-Zeit hindurch ein bedeutendes Kloster, geriet aber unter der konfuzianisch geprägten Joseon-Dynastie zunehmend an den Rand. Die Katastrophe kam mit den japanischen Invasionen ab 1592, in Korea als Imjin-Krieg bekannt: Die hölzernen Hallen des Tempels brannten vollständig nieder. Was die Flammen überstand, war das steinerne Gerüst, also Terrassen, Brücken, Pagoden und Laternen, und gerade dieses Gerüst bewahrt bis heute den authentischen Entwurf des achten Jahrhunderts. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert wurden Teile der Anlage wiederhergestellt, doch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war der Tempel stark verfallen. Eine umfassende Restaurierung in den frühen siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts errichtete Hallen und Wandelgänge auf den alten Fundamenten neu. So erklärt sich das heutige Bild: Holzarchitektur im Stil der Joseon-Zeit auf Steinbauten der Silla-Ära.
Hallen, Buddhas und gelebter Alltag
Hinter dem Tor Jahamun entfaltet sich die Anlage als Abfolge von Höfen und Hallen, jede einem anderen Aspekt des buddhistischen Kosmos gewidmet. In der Haupthalle Daeungjeon wird Sakyamuni verehrt; die Halle Geungnakjeon birgt einen sitzenden Amitabha aus vergoldeter Bronze, die Halle Birojeon einen sitzenden Vairocana, den kosmischen Buddha. Beide Statuen stammen aus der Silla-Zeit und gehören zu den Nationalschätzen des Landes. Die Halle Museoljeon trägt den paradoxen Namen Halle ohne Worte, weil die tiefste Lehre sich nicht in Sprache fassen lässt, und die Gwaneumjeon am höchsten Punkt der Anlage ist dem Bodhisattva des Mitgefühls geweiht. Bulguksa ist dabei kein Museum, sondern ein Haupttempel des Jogye-Ordens, der größten Schule des koreanischen Buddhismus, mit Mönchsgemeinschaft, täglichen Zeremonien und Templestay-Programmen, bei denen Gäste im Kloster übernachten, mitessen und meditieren. Wer im Morgengrauen kommt, hört den Gesang der Mönche über die Höfe ziehen. Lohnend ist der Besuch zu jeder Jahreszeit: Im Frühjahr blühen die Kirschbäume vor den grauen Terrassen, im Herbst färbt sich der Wald am Tohamsan in leuchtendes Rot und Gold, und im Winter liegt die Anlage oft still und beinahe menschenleer da. Von Gyeongju aus ist der Tempel bequem mit Bus oder Taxi zu erreichen, und wer Zeit mitbringt, verbindet ihn mit dem Aufstieg oder der kurzen Fahrt hinauf zur Seokguram-Grotte, um das legendäre Bauwerk-Paar des Kim Daeseong an einem einzigen Tag zu erleben.
Auf der Karte
Bulguksa entfaltet sich am besten als Teil einer größeren Reise: hinauf zur Seokguram-Grotte, hinunter zu den Königsgräbern und der alten Sternwarte von Gyeongju, weiter zu den Museen mit den Goldkronen Sillas. Auf unserer interaktiven Karte finden Sie den Tempel an der Südostküste Koreas verzeichnet, eingebettet in Hunderte weitere Klöster, Abteien und Bergheiligtümer weltweit. Zoomen Sie hinein, vergleichen Sie die buddhistischen Klosterlandschaften Asiens mit den europäischen, und planen Sie Ihre nächste Route von Markierung zu Markierung.