← Zurück zum Blog

Stift Heiligenkreuz: Seit 1133 das lebendige Herz des Wienerwaldes

Wer an einem gewöhnlichen Werktag die Stiftskirche von Heiligenkreuz betritt, hört mit einiger Wahrscheinlichkeit genau das, was ein Besucher im zwölften Jahrhundert gehört hätte: lateinischen gregorianischen Choral, gesungen von Mönchen in weißen Kukullen. Das Zisterzienserstift im Wienerwald wurde 1133 gegründet und seither niemals aufgehoben, niemals verlassen, niemals säkularisiert. Weder die Türkenkriege noch die Klosteraufhebungen Josephs II., weder Napoleon noch die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts konnten das Stundengebet in diesem Tal zum Verstummen bringen. Diese ununterbrochene Kontinuität macht Heiligenkreuz zu einem der bemerkenswertesten Klöster Europas.

Leopold III., sein Sohn Otto und die Gründung von 1133

Am Anfang steht eine Familiengeschichte. Markgraf Leopold III. aus dem Haus Babenberg, der spätere Landespatron Österreichs, hatte einen Sohn namens Otto, der zum Studium nach Paris gezogen war und dort eine folgenreiche Entscheidung traf: Er schloss sich den Zisterziensern an und trat in die burgundische Abtei Morimond ein. Später sollte er als Otto von Freising zu einem der bedeutendsten Geschichtsschreiber des Mittelalters werden. Auf sein Drängen hin holte der Vater den jungen Reformorden ins Land. 1133 zogen Mönche aus Morimond in das Tal des Sattelbachs im Wienerwald und begannen mit dem Aufbau des Klosters. Für die Babenberger war die Stiftung Frömmigkeit und Herrschaftspolitik zugleich: Das aufstrebende Geschlecht gewann ein geistliches Zentrum und bald auch eine Grablege. Heiligenkreuz wiederum wurde selbst zum Mutterkloster und gründete bereits 1138 das Stift Zwettl im Waldviertel; weitere Tochterklöster folgten, unter anderem im mittelalterlichen Ungarn. Wie überall in Europa verbanden die Zisterzienser auch hier Gebet und Arbeit: Sie rodeten, legten Teiche und Weingärten an und machten das Kloster zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Motor der ganzen Region.

Die Kreuzreliquie und der Name des Stiftes

Der Name Heiligenkreuz verweist auf das Patrozinium des Heiligen Kreuzes, doch seine volle Bedeutung erhielt er im Jahr 1188. Damals schenkte Herzog Leopold V., ein Urenkel des Gründers, dem Kloster eine große Reliquie des Kreuzes Christi, die er aus dem Heiligen Land mitgebracht hatte. Für die mittelalterliche Welt war das ein Schatz von höchstem Rang, und das Stift wurde zum Wallfahrtsort. Die Kreuzreliquie wird bis heute in Heiligenkreuz aufbewahrt und verehrt; sie gehört zu den bedeutendsten ihrer Art im deutschsprachigen Raum. Kaum ein anderes Kloster kann eine so geschlossene Verbindung zwischen seinem Namen, seiner Gründerdynastie und einem einzigen verehrten Gegenstand vorweisen. Das Kreuz prägt die Ikonographie des Hauses, seine Altäre und die geistliche Literatur, die hier über Jahrhunderte entstanden ist.

Baugeschichte: romanisches Langhaus, gotischer Hallenchor

Die Stiftskirche ist ein Lehrbuch des Übergangs von der Romanik zur Gotik. Das Langhaus, 1187 geweiht, zeigt die strenge Ästhetik der frühen Zisterzienser: wuchtige Pfeiler, glatte Wandflächen, fast völliger Verzicht auf Schmuck, ganz im Geist Bernhards von Clairvaux. Nach Osten hin wandelt sich der Raum vollständig. 1295 vollendeten die Mönche einen gotischen Hallenchor, in dem schlanke Stützen das Gewölbe tragen und hohe Fenster das Presbyterium mit Licht durchfluten. Teile der mittelalterlichen Verglasung haben sich erhalten, was für sich genommen schon eine Seltenheit ist. Der Kontrast zwischen dem ernsten, dunklen Langhaus und dem hellen Chor wirkt beinahe wie gebaute Theologie: ein Weg von der irdischen Buße zur himmlischen Klarheit. Weil die Kirche nie ausbrannte und nie durchgreifend barockisiert wurde, lässt sich diese mittelalterliche Raumfolge heute noch fast unverfälscht erleben.

Kreuzgang, Brunnenhaus und die Grablege der Babenberger

Südlich der Kirche erstreckt sich einer der schönsten mittelalterlichen Kreuzgänge Mitteleuropas, errichtet im dreizehnten Jahrhundert an der Schwelle von der Spätromanik zur Frühgotik. In seinen Flügeln haben sich mittelalterliche Grisailleverglasungen erhalten, und an ihn schließt das Brunnenhaus an, in dem sich die Mönche einst vor den Mahlzeiten wuschen. Dort zeigen Glasscheiben Herrscher aus dem Haus Babenberg. Vom Kreuzgang aus betritt man auch den Kapitelsaal, die Grablege der Dynastie. Mehrere Babenberger ruhen hier, darunter Herzog Friedrich II., der Streitbare, der 1246 in der Schlacht fiel und mit dem das Geschlecht im Mannesstamm erlosch. Es hat etwas Berührendes, dass die Familie, die das frühe Österreich formte, nicht in einem Dom bestattet liegt, sondern im Kapitelsaal eines arbeitenden Klosters, an dem die Mönche täglich vorübergehen.

Türkennot, Barock und der Bildhauer Giuliani

Kontinuität bedeutete keineswegs Ruhe. Die osmanischen Feldzüge, die 1529 und 1683 bis vor Wien führten, brachten Plünderung und Zerstörung auch über Heiligenkreuz. Doch beide Male baute der Konvent wieder auf, und das siebzehnte und frühe achtzehnte Jahrhundert gaben dem Stift sein heutiges äußeres Gesicht: repräsentative Höfe, neue Wohn- und Wirtschaftstrakte und eine reiche barocke Ausstattung im mittelalterlichen Kern. Eine Schlüsselfigur dieser Epoche war der aus Venedig stammende Bildhauer Giovanni Giuliani, der jahrzehntelang als Familiare im Stift lebte. Seine Werkstatt schuf unter anderem die Dreifaltigkeitssäule im großen Stiftshof, und zu seinen Schülern zählte Georg Raphael Donner, einer der größten Bildhauer des österreichischen Barock. Giuliani wurde in der Stiftskirche bestattet, ein deutliches Zeichen, wie eng Künstler und Kloster zusammengewachsen waren. Dass Heiligenkreuz wenig später auch die Aufhebungswelle Josephs II. überstand, der zahllose kontemplative Klöster der Monarchie schloss, grenzt an ein historisches Wunder.

Gegenwart: Hochschule, Choral und neue Gründungen

Heiligenkreuz ist kein Museum, sondern eines der lebendigsten Klöster des Kontinents. Der Konvent zählt zu den größten Zisterziensergemeinschaften Europas und ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen; junge Männer aus vielen Ländern treten hier ein. Das gesamte Stundengebet wird im lateinischen gregorianischen Choral gesungen, und 2008 gelang den Mönchen etwas völlig Unerwartetes: Ihr bei einem internationalen Major-Label erschienenes Album Chant: Music for Paradise stieg in mehreren Ländern in die Popcharts ein und trug den Klang des Wienerwaldklosters in Millionen Wohnzimmer. Zugleich betreibt das Stift eine philosophisch-theologische Hochschule, die nach dem Besuch Papst Benedikts XVI. im September 2007 dessen Namen erhielt und Priesteramtskandidaten sowie Ordensleute aus aller Welt ausbildet. Auch der alte zisterziensische Gründungsgeist lebt wieder: 1988 errichtete das Stift ein Priorat in Bochum im Ruhrgebiet, und 2018 kehrte durch Heiligenkreuzer Mönche das klösterliche Leben nach Neuzelle in Brandenburg zurück, in ein Haus, das über Generationen hinweg verwaist gewesen war. Wer heute an einem Gottesdienst teilnimmt oder einfach still in der Kirche sitzt, erlebt keine Inszenierung für Touristen, sondern den ganz gewöhnlichen Alltag einer Gemeinschaft, die seit fast neun Jahrhunderten dasselbe tut.

Wienerwald, Via Sacra und Mayerling

Auch die Umgebung des Stiftes verdient Aufmerksamkeit. Heiligenkreuz liegt an der Via Sacra, dem alten Pilgerweg von Wien zum großen Marienheiligtum Mariazell, und noch immer ziehen Wallfahrer zu Fuß durch den Ort. Der umgebende Wienerwald lädt zu sanften Wanderungen durch Buchenwälder ein, während Kirche, Kreuzgang und Höfe des Stiftes im Rahmen von Führungen besichtigt werden können. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Mayerling, das ehemalige Jagdschloss, in dem Kronprinz Rudolf 1889 den Tod fand. Das Ereignis bleibt für immer mit dem Stift verbunden, denn Mary Vetsera, die mit ihm starb, wurde auf dem Friedhof von Heiligenkreuz begraben; ihr schlichtes Grab zieht bis heute Besucher an. Die Mischung ist auf eigentümliche Weise österreichisch: kaiserliche Tragödie, tiefer Wald, barocke Höfe und ein lebendiges mittelalterliches Kloster, alles an einem einzigen gemächlichen Nachmittag zu erleben. Wer mehr Zeit mitbringt, verbindet den Besuch mit der nahen Kurstadt Baden oder wandert selbst eine Etappe auf dem alten Pilgerweg.

Auf der Karte

Heiligenkreuz ist von Wien wie von Baden aus bequem zu erreichen und lohnt einen Besuch zu jeder Jahreszeit. Wer den Besuch planen möchte, findet das Stift auf unserer interaktiven Karte in seinem Waldtal und kann von dort aus die anderen Klöster und Stifte Niederösterreichs entdecken, von den Babenberger-Gründungen an der Donau bis zu den Wallfahrtskirchen des Wienerwaldes. Fast neun Jahrhunderte ununterbrochenen Gebets liegen nur eine kurze Fahrt vor den Toren Wiens.