Eihei-ji: Das strengste Zen-Kloster Japans von innen
Wer im Winter die Präfektur Fukui an der Japanischen Meerseite besucht, findet in einem engen, verschneiten Bergtal ein Kloster, in dem die Zeit auf eigentümliche Weise stillzustehen scheint. Das Eihei-ji, wörtlich der Tempel des ewigen Friedens, wurde im Jahr 1244 von dem Mönch Dogen gegründet und ist bis heute – gemeinsam mit dem Soji-ji in Yokohama – eines der beiden Haupttempel der Soto-Schule des Zen. Vor allem aber ist es deren wichtigstes Ausbildungskloster: Junge Mönche aus ganz Japan kommen hierher, um jene strenge, minutiös geregelte Praxis zu durchlaufen, die Dogen vor beinahe achthundert Jahren festgelegt hat. Zwischen jahrhundertealten Zedern, hölzernen Treppengängen und dem Klang von Glocken und Holzklappern lebt hier eine Tradition, die zum Erstaunlichsten gehört, was das buddhistische Japan zu bieten hat.
Ein Zweifel treibt einen Mönch nach China
Am Anfang des Eihei-ji steht eine Lebenskrise. Dogen, im Jahr 1200 in Kyoto geboren und früh verwaist, trat als Junge in den Tendai-Buddhismus auf dem Berg Hiei ein. Dort quälte ihn eine Frage, auf die ihm niemand eine befriedigende Antwort geben konnte: Wenn alle Wesen von Natur aus die Buddha-Natur besitzen, warum müssen sie dann überhaupt üben und nach Erwachen streben? Die Suche nach einer Antwort führte ihn 1223 über das Meer in das China der Song-Dynastie. Nach Jahren des Umherwanderns fand er im Meister Tiantong Rujing den Lehrer, den er gesucht hatte. Unter dessen Anleitung erfuhr Dogen das, was er später als das Abfallen von Körper und Geist beschrieb, und erhielt die Dharma-Übertragung in der Caodong-Linie, die auf Japanisch Soto heißt. Als er 1227 zurückkehrte, brachte er weder Reliquien noch geheime Texte mit, sondern – wie er selbst sagte – nur die schlichte Einsicht, dass die Augen waagerecht stehen und die Nase senkrecht: das Zazen, die sitzende Meditation, als unmittelbarer Ausdruck des Erwachens selbst.
Der Rückzug in die Berge von Echizen
Zunächst lehrte Dogen in der Nähe von Kyoto und gründete dort mit dem Kosho-ji eines der ersten japanischen Klöster mit einer eigenen Mönchshalle nach chinesischem Vorbild. Doch seine kompromisslose Betonung des Zazen und der wachsende Zulauf seiner Gemeinschaft brachten ihn in Konflikt mit dem mächtigen Tendai-Establishment der Hauptstadt. Im Jahr 1243 nahm er die Einladung seines Förderers an, des Samurai Hatano Yoshishige, und zog mit seiner gesamten Gemeinschaft in die abgelegene Provinz Echizen, das Gebiet der heutigen Präfektur Fukui. Dort entstand 1244 zunächst ein Kloster namens Daibutsu-ji, das zwei Jahre später den Namen Eihei-ji erhielt. Der Umzug war kein Zufall und keine Flucht, sondern Programm: Dogen war überzeugt, dass echte Übung Abstand von weltlicher Macht und Zerstreuung verlangt. Die Lage des Klosters, eingebettet in steile, dicht bewaldete Hänge, verkörpert diese Überzeugung bis heute.
Sieben Hallen, ein Organismus
Das heutige Eihei-ji umfasst rund siebzig Gebäude, die durch überdachte Holztreppen und Wandelgänge den Berghang hinauf miteinander verbunden sind. Sein Kern folgt dem klassischen Bauschema eines Zen-Klosters, dem sogenannten Shichido Garan, den sieben Haupthallen. Durch das Sanmon-Tor treten die Mönche ein, wenn sie in die Ausbildung aufgenommen werden. Darüber erheben sich die Buddha-Halle und die Dharma-Halle, in der Zeremonien und Lehrreden stattfinden. Das eigentliche Gewicht des Klosterlebens tragen jedoch die übrigen Gebäude: die Mönchshalle, das Sodo, in der die Auszubildenden auf jeweils einer einzigen Tatami-Matte meditieren, essen und schlafen, dazu Küche, Bad und Abort. Gerade die letzten drei gelten in Dogens Ordnung nicht als profane Nebenräume, sondern als Orte strikter Übung, an denen Schweigen herrscht. Weil Brände im Lauf der Jahrhunderte ältere Bauten zerstörten, stammen die heutigen Gebäude überwiegend aus der Edo-Zeit und später – der Grundriss und das Leben darin folgen jedoch unverändert dem Entwurf des Gründers.
Der Tag eines Unsui
Die Mönche in Ausbildung heißen Unsui, ein Wort, das an ziehende Wolken und fließendes Wasser denken lässt. Ihr Tag beginnt lange vor Sonnenaufgang in der kalten Dunkelheit des Bergwaldes mit Zazen in der Mönchshalle. Es folgen die Morgenandacht mit Sutrenrezitation, ein schweigend eingenommenes Frühstück und dann Stunden voller Arbeit: das endlose Wischen der langen Holzkorridore, das Fegen der Treppen, Küchendienst, Studium, weitere Meditationsperioden und Zeremonien. Gegessen wird nach der Oryoki-Form, mit einem Satz ineinander gestapelter Schalen, deren Handhabung bis in die kleinste Geste choreografiert ist, begleitet von Rezitationen – so wird selbst die Mahlzeit zur Meditation. Der Tag endet, wie er begann, mit Zazen, bevor sich die Unsui in derselben Halle schlafen legen, in der sie gesessen haben. Wer neu ankommt, muss zunächst am Tor ausharren und seine Entschlossenheit beweisen, ehe er eingelassen wird – ein Brauch, der auf alte chinesische Klostertradition zurückgeht.
Die Küche als heiliger Ort
Nirgends wird Dogens Denken greifbarer als in seiner Haltung zur alltäglichen Arbeit. In seinen Regeltexten für das Klosterleben, allen voran im berühmten Tenzo Kyokun, den Anweisungen für den Koch, erhebt er die Küchenarbeit in den Rang tiefster religiöser Praxis. Reis waschen, Gemüse putzen, den Deckel eines Topfes heben – all das verdient nach Dogen dieselbe ungeteilte Aufmerksamkeit wie das Studium der Schriften. Sein Meditationsleitfaden Fukanzazengi wiederum beschreibt Zazen nicht als Technik zur Erlangung der Erleuchtung, sondern als deren Vollzug: shikantaza, nichts als sitzen. Im Eihei-ji ist das keine fromme Theorie. Wie ein Unsui sein Gewand faltet, ein Tablett trägt oder über eine Schwelle tritt, wird korrigiert und verfeinert, bis die Grenze zwischen heilig und alltäglich sich auflöst.
Das Shobogenzo und die Wirkung bis heute
Während seiner Jahre am Kosho-ji und am Eihei-ji verfasste Dogen die Abhandlungen, die als Shobogenzo gesammelt wurden, die Schatzkammer des wahren Dharma-Auges. Das Werk gilt heute als einer der bedeutendsten religionsphilosophischen Texte Japans; seine Reflexionen über Zeit, Sein, Sprache und Übung beschäftigen längst auch Philosophinnen und Philosophen außerhalb buddhistischer Kreise. Dogen selbst konnte sein Bergkloster nur wenige Jahre leiten: Er erkrankte und starb 1253 in Kyoto, nachdem er die Gemeinschaft seinem Schüler Koun Ejo anvertraut hatte. In den folgenden Jahrhunderten breitete sich die Soto-Schule vor allem im ländlichen Japan aus und wurde zu einer der größten buddhistischen Organisationen des Landes mit vielen tausend angeschlossenen Tempeln. Durch alle Wandlungen hindurch blieb das Eihei-ji ihr geistlicher Anker – der Ort, an dem der Maßstab des Gründers in seiner konzentriertesten Form bewahrt wird.
Das Kloster besuchen
Anders als viele Ausbildungsklöster steht das Eihei-ji Besucherinnen und Besuchern offen, und die Begegnung kann still überwältigend sein. Gäste folgen einem Rundweg durch die überdachten Treppengänge und erleben dabei ein arbeitendes Kloster: Unsui, die lautlos durch die Korridore eilen, der Geruch von Weihrauch und Zedernholz, Trommel und Glocke, die zu den Andachten rufen. Berühmt ist die Empfangshalle mit ihrer Kassettendecke, die mit Hunderten bemalter Felder voller Blumen und Vögel geschmückt ist. Wer mehr will als einen Rundgang, kann an Übernachtungsprogrammen teilnehmen und für kurze Zeit eine vereinfachte Form des klösterlichen Tagesplans mitleben – mit frühem Aufstehen, Zazen, Morgenandacht und vegetarischer Tempelküche. Ausgangspunkt ist die Stadt Fukui, die an der Hokuriku-Shinkansen-Strecke liegt; von dort bringen Bus und Lokalbahn die Gäste das Tal hinauf bis zum Tempelort am Klostertor. Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch im Winter, wenn tiefer Schnee den Berg dämpft und die Hallen im Lampenlicht leuchten.
Auf der Karte
Das Eihei-ji ist ein Knotenpunkt in einem weltweiten Netz lebendiger Klöster – von den Zen-Trainingshallen Japans über die Benediktinerabteien Europas bis zu den Wüstenklöstern Ägyptens. Auf unserer interaktiven Karte können Sie das Eihei-ji in den Bergen der Präfektur Fukui verorten und von dort aus weiterreisen: Filtern Sie nach Traditionen, entdecken Sie Klöster in der Umgebung und planen Sie Ihre eigene Route in jene tiefen Berge, die Dogen vor fast achthundert Jahren wählte.